Start Athleten Trainings - Blog Under pressure ::von Ulta-Mane-Seebauer::

Under pressure ::von Ultra-Mane-Seebauer::

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Nervosität oder Druck kenne ich eigentlich nicht. Nicht bei Laufwettkämpfen oder Triathlons. Vielleicht noch zu Beginn meiner Wettkampfzeit, aber jetzt nicht mehr. Beim Regensburger Ironman 2012 hatte ich vorm Startschuss einen Puls von 47 Schlägen/Min. Ich war die Ruhe selbst, wie auch bereits bei meinen bisherigen Ultraläufen über 75km, 83km und 84km.
Aber heute… Leichtes Kribbeln und Anspannung. Friere ich? Bin ich zu leicht angezogen?

Meine Fahrerin Andrea Ederer fragte mich, ob ich nervös sei. Ist es einfach nur der Bammel, weil die Erwartungshaltung sooo groß ist? Nach meinem vierten Platz im letzten Jahr beim 84 km Landkreislauf rechneten heuer alle mit dem dritten Platz. Meine Freunde aus Indien und Frankreich, Vinodkumar und Jean-Marie, sind nicht zu schlagen. Das ist allen bewusst. Die laufstilanalyse.de Athleten bescheinigten mir alle eine starke Form und erwarteten, dass ich den Landkreislauf mit einem Stockerlplatz „rocke“. Das erwartete ich insgeheim auch von mir selber. Mein Saisonziel, einen Marathon unter drei Stunden zu finishen, habe ich um 70 Sekunden verpasst. Nur mit dem Landkreislauf konnte ich meine Wettkampfsaison 2013 noch versöhnlich abschließen. Allerdings sind in diesem Jahr mit 40 Ultraläufern doppelt so viele Verrückte auf der Strecke wie im letzten Jahr. Davon viele Unbekannte, deren Leistung ich nicht einschätzen konnte. Und noch schlimmer: Eine krasse Strategie. Die ersten zehn Kilometer auf einer flachen Teerstrecke im Schnitt mit 4:30 Min/km Laufen und dafür an den steilen Bergetappen in einen schnellen Gehschritt wechseln. Das Ziel dabei war, den Puls bergauf nicht zu sehr in die Höhe zu schießen, um dann auf den flachen Passagen wieder Gas zu geben. Dieser Plan vom Ralf mit dem schnellen Start war so gar nicht nach meinem Geschmack, aber der Strecke geschuldet. Wer viel will, muss viel leisten.

Wieder dieses Kribbeln… Dieser Plan kann sowas von schief gehen!!! Was passiert, wenn ich mir damit zu früh meine Körner verschieße oder meine Muskulatur zu macht? Breche ich auf den letzten Abschnitten ein? Wie geht es mir an den giftigen Anstiegen auf Schotter und Sand? 74-80 Pulsschlägen/Min vor dem Start zeugten von meiner Unsicherheit.

Neun Uhr: Mit den Startläufern der 231 Staffeln ging es von Ramspau nach Hirschling. Sechs Staffeln davon waren mit je zehn Kolleginnen und Kollegen besetzt, die Christian Schmid koordinierte. Für mich ging es gut los, da mich der Mane Duschinger auf den ersten 5,5 km begleitete. Er selber ging es für seine Verhältnisse locker an, da er am Folgetag einen harten Berglauf vor sich hatte. Nach der Verabschiedung am Wechselpunkt war ich nur kurz auf mich allein gestellt, da mich teilweise der Matthias Beil und der Ralf Preißl mit dem Bike begleiteten und mir meine Getränkeflaschen reichten. Mit dem Erreichen des zweiten Wechselplatzes in Marienthal begann dann der erste Anstieg. Auf den folgenden 7,3 Kilometer bewältigten die Teilnehmer 233 Höhenmeter auf Schotter. Kraftstrotzend ging ich die steilste Stelle an, aber der Ralf ermahnte mich von seinem Bike aus, hier kurze Gehpausen einzulegen. Dadurch und durch die Verpflegung, die mir die Staffeln der RPC und laufstilanalyse.de bereit stellten, kam ich gut durch die Etappen drei, vier und fünf.

Das einzige was mich wurmte war, dass ich früh im Rennen nur an vierter Stelle der Ultraläuferwertung lag. Zusätzlich zu den führenden Ultras Vinodkumar und Jean-Marie überholte mich Carsten in Karlstein, eine Ultragranate. In Absprache mit dem Ralf lies ich ihn ziehen. Ziel war jetzt, mit meinem eigenen Tempo den vierten Platz zu verteidigen. Auch wenn es schwer fiel, aber den Carsten zu folgen wäre ein Selbstmordkommando gewesen. Die Enttäuschung und das Eingeständnis, dass es nach dem vierten Platz im letzten Jahr bei dem 84 km Ultra wieder nicht zu Bronze reichen soll, vermiesten mir die bis dato sehr gelungene Laufveranstaltung.

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Ab Pettenreuth bekam ich wieder Gesellschaft. Wolfgang Spielbauer ist für laufstilanalyse.de die fünfte Etappe gelaufen, wartete am Wechselpunkt auf mich und hängte für mich den sechsten Abschnitt dran. Dadurch verging die Zeit wie im Fluge. Beim nächsten Wechsel das gleiche Spiel mit Christian Schweiger. Er begleitete mich trotz seinem kräftezerrenden Lauf im vorherigen Streckenabschnitt auf der folgenden längsten Etappe die 8km bis Altenthann. Hier bekam ich vom Matthias Beil die Info, dass ich 4:15 Min hinter Carsten, dem Drittplatzierten der Ultrawertung, lag. Leider hatte ich durch die vielen giftigen Anstiege schon sehr schwere Beine und konnte an eine Aufholjagt gar nicht glauben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mit 42 km bereits einen Marathon hinter mir, war erschöpft und musste mein Tempo drosseln. So sehr mir diese Matschstrecke vom Daniel Wedekind (Streckenplaner) bei einem kurzen Testlauf gefallen hat, so hart war es aber auch, wenn man schon flotte 3,5 Stunden unterwegs war. Kurz vor Bernhardswald erfuhr ich dann durch Wolfgang Kneidl, dass ich nur noch 20 Sekunden hinter dem Ultraläufer Carsten bin. Ich hatte also auf den letzten knapp sieben Kilometer trotz meinem mentalen Tief 3:55 Min aufgeholt. Mit viel Biss jagte ich den Berg der vorletzten Etappe hinab. Mein Körper schrie vor Schmerz. Ich versuchte, mich mit noch schnellerem Tempo abzulenken. Dies funktionierte bis Unterlichtenwald hervorragend. Allerdings bereute ich mein waghalsiges Manöver gleich im Anschluss auf den letzten sechs Kilometer sehr. Lukas Obermeier begleitete mich auf diesem unendlich scheinenden Abschnitt bis zum Ortsschild vom Zielort Donaustauf. Jetzt „nur“ noch bis an das andere Dorfende. Ich hatte keine Ahnung, wie mich meine Beine dorthin tragen sollten.

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In der Dorfmitte traf ich nochmal auf Ralf, der von meinem Tempo und meiner Frische schwärmte. Keine Ahnung was der da gesehen hat, mich definitiv nicht! Fühlte mich elendig und der letzte Kilometer schien nicht machbar. Ein paar Hundert Meter vor dem Ziel teilte mir Tobias Pirzer mit, dass vor wenigen Minuten mit Vinodkumar und Jean-Marie erst zwei Ultraläufer den Lauf beendet haben und ich den Lauf als Dritter beenden kann. Völlig losgelöst legte ich aus dem Nichts einen Endspurt hin. Schmerzen? Die waren dank der freudigen Nachricht augenblicklich wie weggeblasen. Ein unbeschreibliches Gefühl jagte durch meinen Körper, als ich durch das Spalier meiner Freunde von laufstilanalyse.de lief. Sie hatten an meine Willensstärke geglaubt und mit dem Stockerlplatz fiel aller Druck von mir ab!!!

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Im Nachhinein erfuhr ich, dass ich Carsten an der Verpflegungsstation in Bernhardswald überholt habe. Aufgrund der unzähligen Läufer und Zuschauern habe ich das gar nicht bemerkt. Umso größer die Freude, die auch bei der anschließenden Feier noch anhielt.
Stolz bin ich auch auf die RPC Staffel, die trotz einer Widrigkeit das Rennen mit Würde beendet hat.

Was bleibt sind schmerzhafte, unwillkürliche Muskelkontraktionen und die Erkenntnis, im nächsten Jahr mental stark genug für den 100 km Lauf im Rahmen der Bayerischen Meisterschaft zu sein.

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